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CHIEF
(Dr. h.c.) JACOB UWADIAE EGHAREVBA (1893-1980)
Jacob Uwadiae Egharevba hat mit seinen Schriften, in etlichen
Zeitungsartikeln, durch Briefe unbekannten Umfangs und vermittels
persönlicher Mitteilungen als " Informant seiner zahllosen
fragenden Zuhörer ", als Kurator des Museums in der
post- / kolonialen Metropole BENIN-City und Berater sowohl des
Hofes als auch des britischen Gouvernements einen beispiellosen
Beitrag zur " Erinnerungskultur " des früheren
westafrikanischen Königreichs BENIN geleistet. Ihm wurden
dafür von verschiedener Seite schon zu Lebzeiten etliche
Ehrungen angetragen, zahlreiche Lob- und Dank-Schreiben us-amerikanischer
und europäischer Wissenschaftler sowie posthum die Einrichtung
einer regelmäßigen Memorial Lecture gewidmet.
In seinen Schriften beschäftigte sich (Chief) Egharevba
mit einer Vielzahl von Aspekten zur EDO-Kultur in BENIN. Das
gesellschaftliche Leben in seinen grundlegenden Formen, beispielhaft
an Spiel und Sport vorgeführt, stellte er ebenso vor wie
die politische Ordnung in deren Entwicklung. Besonders umfangreich
werden seinen Lesern die regionalen Würden- und Titelträger
in ihrer Bedeutung, das höfische Zeremoniell und deren Praktiken,
der OBA als sakraler und politischer Führer, der weite Pantheon
von Göttern und Helden, Gewohnheiten und Rechte wie die
Ahnenverehrung und Spiritualität vorgestellt. Vor allem
aber war es sein Anliegen, die bis in das ausgehende 19. Jahrhundert
hinein durch die Künste aus Metallen, Holz und Elfenbein
und durch mündliche Wieder-/Neu-Erzählung tradierten
Geschichten - Mythen und Legenden, Identitäten und Idealisierungen,
Werte und Regeln, Glaubens- und Ordnungsformen ... - und
Geschichte für die Zukunft im seinerzeit gerade erst neu
eingeführten Schrift-Medium der Kolonialmacht England zu
sichern und zu erhalten. Egharevba verstand, dass die Ereignisse
des Jahres 1897, als das bis dahin autonome und im Großraum
West-Afrika zeitweise sehr bedeutende BENIN dem Waffenfeuer britischen
Militärs erlag, einen enormen Einschnitt für die Fortdauer
der zu diesem Zeitpunkt entwickelten - oder seitens der Mächtigen
gewünschten - Identitäten und " Images "
darstellen werde.
Über viele Generationen von Menschen und ihre Beiträge
zum Verlauf dessen, was der heutigen Gegenwart als " Geschichte
" vorzeitig vorausging, wissen wir so gut wie nichts. Je
weiter wir gedanklich und forschend zurückschreiten, um
so grobmaschiger wird das als halbwegs gut gesichert verstandene
Konstrukt " Vergangenheit ". Immer weitere Mosaikstücke
des weiten Flickenteppichs sozialer, kultureller, künstlerischer,
wirtschaftlicher, technischer und politischer Entwicklungen gewinnen
zwar an Kontur und lassen so ein Gesamtbild aufscheinen, das
bisweilen weit anders aussieht, als es noch vor zehn, fünfzig
oder hundert Jahren schien. Dennoch verbleibt bislang - und wohl
auch künftig - vieles im Dunkel oder wird nicht als das
erkannt, " was und wie es gewesen ist ". - Dies gilt
nicht nur für Europa ... , auch die Geschichte Schwarz-Afrika´s
birgt fast täglich neue spannende Fragen, stellt wieder
und wieder große Herausforderungen an Wissenschaftler der
verschiedenen Disziplinen von Anthropologie, Ethnologie, Archäologie,
Metallurgie, Linguistik, Geschichtswissenschaften, Philosophie
u. a. und lädt ein, durch die vorhandenen Quellen an früheren
Ideen und Gedanken teilzuhaben. Dabei sind, bedingt durch die
Unterschiede historischer Entwicklungen an verschiedenen Orten
unserer gemeinsamen Welt, in ungleicher Weise " der Gegenstand,
das Thema und die Fragen einer Untersuchung " zu benennen.
Meine Fragen und Perspektiven hierzu ergeben sich somit aus den
folgend zu analysierenden Texten und wenden sich an diese, sie
suchen zentral nach deren Inhalten als " Historische Quellen
", ihrem Anspruch auf Geltung, dem vielfältigen impliziten
Feedback, ihren Variationen und der Bedeutung ihrer Auswirkung
für eine geschichtswissenschaftliche Bearbeitung.
Einführend stellte Egharevba seiner ASHOB voran : "The
necessity for the production of this little work may be seen
from the fact that though every country has its own history,
yet of that of our own native land, BENIN, we know but little.
(
) There has been no written history of BENIN except the
few notes written by adventurous European traders and missionaries
who visited BENIN City from 1472 to the punitive expedition in
1897. One can imagine how great and tedious the task has been
of reducing to comprehensive facts the stories which were told
by superstitious native historians in peculiar ways and blended
with myths, miracles and fables. " (ASHOB Preface, datiert
1934, verlegt 1936) Allererste Fragen sind für mich daher
: wer war dieser Jacob Uwadiae Egharevba, was trieb ihn derart
an, wie kann man ihn zu verstehen suchen, was trug er - also
- wie und warum zur " Erinnerung BENIN´s " bei?
 
EGHAREVBA - ZUR GESCHICHTE BENIN´S BERUFEN
Gelänge es, sich zunächst
nur für einen kurzen Moment lang in einen im ausgehenden
19. Jahrhundert gerade einmal etwa vierjährigen, kleinen
schwarzafrikanischen Jungen zu versetzen, wichtige Momente seines
Lebens als Jugendlicher und junger Mann nachzuvollziehen, schließlich
dessen Erleben als weithin hoch geschätzter Greis zu begreifen,
wäre zum Verständnis des folgend Ausgeführten
viel gewonnen. Doch die Perspektiven der Empathie, welche ich
als Wohlwollen in kritischem Geist übersetzen will, haben
ihren natürlichen Grenzen; der Wunsch nach vollständigem
Verstehen bleibt letztlich unerfüllbar. Aber weil jeder
Mensch, welcher " mit seinem Werk einen Beitrag zur Geschichte
" liefert, sich auch stets persönlich darin ausdrückt,
soll zunächst eine knapper Umriss der für das Wirken
wichtiger Lebensstationen Egharevba´s auf Grundlage seiner
Autobiographie kritisch zusammengestellt werden. Dieser kann
einige Hinweise als Kontext zum " Lebensentwurf " des
Verfassers geben. Denn Egharevba war auch Sohn seiner Eltern,
Freund vieler Mitmenschen, Schüler seiner Lehrer und wiederum
Lehrer seiner Schüler - und m. E. erst darüber hinaus
Historiograph am BENIN-Hof. Eine solche Skizze blendet die anschließend
zu diskutierenden Fragen nach dem Einfluss tagespolitischer Ereignisse
auf die Ausrichtung seiner Schriften keinesfalls aus, weist aber
auf eine notwendig multiperspektivische Untersuchung hin.
Der spätere Chief Dr. (h. c.) Egharevba war erst wenige
Jahre alt, als 1897 das kulturelle und politische Leben der EDO
im BENIN radikal verändert wurden. In einem Alter, in dem
er seitens seiner Eltern und durch die für sein späteres
Leben äußerst wichtigen Großmutter mit den grundlegenden
Formen des sozialen Zusammenlebens, mit traditionellen Gewohnheiten
und durch den höchst persönlichen Umgang zwischen den
Menschen verschiedener gesellschaftlicher Zugehörigkeit
mit dem, was für einen etwa Vierjährigen unter den
Bedingungen seiner Zeit in seinem Raum als Erlebnishorizont und
sicher geglaubtes Fundament von Familie, Freunden, geachteten
Menschen usw. vertraut gemacht wurde, brachen diese weg. Man
kann kaum ermessen, wie dieser kleine Junge dies überhaupt
verarbeitete, welche persönlichen, anfangs natürlich
noch sehr naiven Konsequenzen dies für ihn hatte. Bekannt
ist aber, dass er sich Jahrzehnte später noch wieder und
wieder damit auseinander setzte, schließlich einer der
meistzitierten Lokal-Historiographen Süd-Nigeria´s
wurde und Berühmtheit weit über die Grenzen seines
Landes erlangte. Als zweites von drei Kindern seiner Mutter Ukuzuwa
und seines Vaters, der mit einer anderen Frau noch ein weiteres
Kind hatte, wurde Jacob Uwadiae (um) 1893 in IDANRE geboren.
Ihm wurde als einer der ersten Schüler nach 1900 an den
gerade erst begründeten Schulen der Church Missionary Society
(C. M. S.) in IBADAN, AKURE und BENIN City einige Jahre lang
religiöse und allgemeine Bildung zuteil. Egharevba berichtet
selbst rückblickend in seiner Autobiographie, dass er sich
gegen den Widerstand seines - andererseits als weisen Krieger
glorifizierten - Vaters gern habe bilden wollen. Doch habe man
vielerorts im West-Afrika jener Jahre nicht viel von schulischer
Bildung gehalten, zumal die erwartete Arbeitskraft des jungen
Nachkömmlings damit zeitweise anderweitig gebunden wäre.
Seine Großmutter, bestärkt durch einen legendären
Orakelspruch, habe ihn in seinem Bestreben jedoch sehr unterstützt
und ihm in den Jahren 1908 bis 1911 schulische Bildung ermöglicht.
Sie sei es auch gewesen, die ihm seine " Motivation "
stets angemahnt hatte, fleißig und beständig zu lernen,
ehrlich und statthaft zu leben. Dies habe er sich tief im Innersten
von frühester Jugend an zum " Anspruch seines Handels
" gesetzt. Nach dem Tod seines Vaters soll dessen Onkel
zum Vormund des gerade neun Jahre jungen Jacob, der ihn in OZANOGOGORO
und OZANISI im Kanu-Transport und Handel mit Palmöl einsetzte,
berufen worden sein. In anekdotenhaften Erinnerungen an die aufregenden
Erlebnisse eines Schwimmwettkampfes, von Raufereien und Schlangenbissen
berichtete Egharevba später über die folgenden Jahren
seiner Jugend. Schließlich erinnert er sich an das erste
Schicksalsjahr seines noch jungen Lebens. Im Jahr 1908 habe ihm
ein Seher namens AIZEHIN vorhergesagt, dass er eines Tages ein
großer Mann sein könne, dessen Name auf der ganzen
Welt bekannt werde - und selbst das IFA-Orakel in IBADAN habe
sich in dieser Weise geäußert.
Offensichtlich von großem Wissensdurst geleitet genoss
Egharevba dann weitere Jahre der religiösen und allgemeine
Bildung zwischen 1912 und 1915, von deren konkreten Inhalten
aber keine Einzelheiten überliefert sind. Sie lassen sich
aber in so manchem Bibel-Zitat, z. B. in AZOT 37.40 und ABA 56.56,
und in den Verweisen auf Vorlagen von Augustinus bis Voltaire,
beispielsweise in AZOT 6.20 und STG 1.6, durch seine Schriften
ansatzweise rekonstruieren. Neben dieser (nach europäischem
Kanon) " klassischen Bildung " wird an anderer Stelle
auch seine Kenntnis um die historische Entwicklung der englischen
Parteien dargeboten, vgl. TOOB 16.25.
Es sind aber vor allem die " moralischen Lebensregeln ",
die ihn überzeugt zu haben scheinen. Daher führte er
in verschiedenen Passagen seiner Arbeiten christliche Lehrsätze
ein, paraphrasierte etwa die " 10 Gebote der Bergpredigt
als synonym zu den gewohnten EDO-Normen ", vgl. ABA 47.49,
und verstand das Christentum für BENIN als insofern "ever
ancient and ever new" (BT 2.4). In den folgenden Jahren
verdingte er sich in verschiedenen Anstellungen als Händler
und entwickelte auch sein eigenes " religiöses Bekenntnis
" zum Christentum weiter, das er mit seiner bewussten Taufe
bereits im März 1915 unterstrichen hatte und der gemäß
er sich auch wiederholt für Belange der Kirche einsetzte,
mehr als 20 Jahre seines Lebens als Sonntagslehrer tätig
war. Trotz seiner eigenen Auffassung verweigerte Egharevba sich
anderer Sichtweisen, wie jener des Islam oder der traditioneller
EDO-Spiritualität, wie von seinen Vorfahren gelebt, aber
nicht. Selbst sein eigener Vater blieb dieser verhaftet. Seine
Mutter hatte sich zwar in jüngeren Jahren in Verehrung an
die Gottheit OLOKUN gewandt, konvertierte später aber auch
zum Christentum. Die im Vergleich zu seinem Vater positivere
Wertung seiner Mutter dürfte wohl auch in diesem Umstand
begründet sein. Im Jahr 1921, so Egharevba, habe er dann
den designierten Thronfolger (EDAIKEN), das nach traditioneller
Ordnung spätere, dynastisch legitimierte und derart vorkolonial
als sakraler Herrscher und Identitätsstifter verstandene
politische Oberhaupt der EDO, OBA Akenzua II., kennengelernt
und sei schon bald in dessen Dienste gekommen. So versorgte er
den Harem des designierten Herrschers, als dieser Mitte der 1920er
Jahre in ABEOKUTA studierte. Vor allem dessen Vater, OBA Eweka
II., habe sich über die Arbeit und den herausragenden Charakter
Egharevba´s stets in höchsten Tönen lobend geäußert,
erinnert er sich später. Durch seine Tätigkeit am Hof
der OBA lernte Egharevba viele regional wichtige Persönlichkeiten
seiner Zeit kennen und hatte selbst Gelegenheit, Akenzua II.
zu einer Konferenz der aus vorkolonialer Zeit überkommenen
Anführer Westafrika´s von März bis April 1937
nach OYO zu begleiten. Dort hatten sich verschiedene Herrscher
der BENIN benachbarten Reiche eingefunden, um über Fragen
der Gesellschaft, politischen Ordnung und Entwicklung in der
Gegenwart britischer Gewalt im südlichen Nigeria zu verhandeln.
Seine wichtigste Aufgabe, zugleich als " Beruf wie Berufung
" empfunden, sah Egharevba selbst in der des " Schriftstellers
und Händlers ". Seit den 1930er Jahren hatte er begonnen,
seine Texte in EDO und später in englischer Übersetzung
vorzulegen und zumeist auch selbst zu drucken. Nach Egharevba´s
eigener Darstellung erwuchs diese Obliegenheit vor allem aus
dem bereits einsetzenden Verlust um die Kenntnisse der eigenen
Traditionen, der üblichen Gewohnheitsregeln, Lebensweisen
und historischen Entwicklungen. Diese hatten oft tagespolitische
Bedeutung, sodass es wiederholt zu Konflikten und Streitigkeiten
um Ränge, Ämter und Macht kam. Und sie wurden im kolonialen
Süd-Nigeria durch die Schrift entschieden (vgl. zu Goody
in 1.4.1), in der es vor ihm keinen Beitrag aus der Perspektive
eines EDO gegeben hatte.
Egharevba empfand seine Leistung daher als schreibender und verlegender
" Beobachter seiner Zeit, gleichsam Erinnernder an die Vergangenheit
und Mahner für die Zukunft ", durchaus angemessen gewürdigt.
In seiner Freude über die ihm entgegengebrachte Anerkennung
schien es ihm, als ob "I was crowned with Laurels and intoxicated
with the most scented victory of perfume as a conqueror"
(ABA 28.30). Derart verdiente Lorbeeren brachten gleichsam viele
Verpflichtungen mit sich, da man ihm von Seiten außer-afrikanischer
Gelehrter verschiedentlich konkrete Fragen etwa zur ikonographischen
Ausdeutung einzelner Kunstwerke vorlegte oder bspw. um Rat in
der Klärung um Ursprung, Entwicklung und Bedeutung von ehemals
tributpflichtigen Nachbarn bat. Seine Antworten wurden zunehmend
für konkrete Aufsätze in europäischen Zeitschriften,
für die schulische Ausbildung in Südnigeria wie auch
für die Rechtsprechung des Law Court im kolonialen BENIN
herangezogen. Selbst für die Durchsetzung von Gebietsansprüchen
im Konflikt streitender Bezirke, die Einrichtung eines Friedhofes
nach dem Vorbild der gewohnten Sitten oder in Streitigkeiten
der benachbarten ITSEKIRI und URHOBO zog man ihn als " lokale
Autorität des Wissens um die traditionelle Ordnung "
heran. Regionale Würdenträger aber auch der britische
Verwalter der Western Region in Nigeria lösten Probleme,
suchten und fanden Antworten auf Grundlage seiner Schriften.
Dabei zog er seine Kraft nach eigenem Verständnis allein
aus der " spirituellen Begründung " seines Handelns.
Dessen Erfolge, von der Ernennung zum Kurator des BENIN-Museums
1946 bis zur Auszeichnung - als Member of the British Empire
- durch die englische Königin im Jahr 1962, verstand er
als Bestätigung seiner richtigen spirituellen Ausrichtung,
die überdies jegliche Widersacher zu überwinden helfe.
Seit den späten 1950er Jahre befand sich Egharevba, bedingt
durch verschiedene Krankheiten, immer wieder in ärztlicher
Behandlung und erblindete schließlich. In diversen Passagen
seiner Werke scheint m. E. daher auch ein Verfasser hervor, der
sich " seines baldigen Lebensendes sicher " scheint,
auch wenn ihm schließlich noch etliche weitere Jahre beschieden
waren. Das insofern geradezu obsessive Verfassen seines enormen
uvres, wieder und wieder für die gleichen oder ähnliche
Themen eintretend, mag auch in seiner selbst auferlegten Verpflichtung
zu sehen sein, noch vor dem als baldig eintretend erwarteten
Tod so viel als denn möglich für die Zukunft seiner
in stetigem Identitätsverlust befindlichen " Heimat-Kultur
" aufzuzeichnen. Bezeichnenderweise würdigte ihn die
Universität von Ibadan im November 1967 mit dem Doktor h.
c. für Sprach- bzw. Literaturwissenschaft und brachte damit
ihr Anerkenntnis zum Ausdruck, dass sich Egharevba seit den 1930er
Jahren zunehmend um die Verbesserung seiner eigenen Schriften
und die Verbreitung deren vielfältigen Themen bemüht
hatte. Bis in die 1970er Jahre folgten dann nur noch wenige weitere
Schriften, während ältere Titel vielfach neu herausgegeben
wurden. Welchen Einfluss Egharevba´s Kinder, besonders
sein Sohn Davidson und die Tochter Clara, auf deren Inhalt nahmen,
bleibt unklar. Bekannt ist allerdings, dass sie zum Teil für
deren englische Übersetzung verantwortlich zeichneten. Eine
kritische Auseinandersetzung um seine Werke begann vor Egharevba´s
Tod zunächst vor allem als eine " Nachfolge in den
Fußstapfen des großen Vorbildes " und erwuchs
erst darnach zu einer kritischen, auch widersprechenden Ausdeutung.
Mit Samuel Ojo, Osaren Salomon Bonifacie Omoregie, Osemwegie
Ebohon, Ekhaguosa Aisien und vielen weiteren zu historischen
Themen schreibenden EDO setzte sich in den nächsten Generationen,
zuweilen in großer Nähe zu Egharevba wie auch ohne
direkten Verweis auf diesen, eine Beschäftigung mit dem
historischen BENIN fort. Diese hatte etwa bei Omoregie schon
in den 1960er Jahren als " Schüler " Egharevba´s
begonnen, während bspw. Aisien als ehemaliger Arzt ein Beispiel
für die Fortführung durch einen interessierten Ruheständler
in den 1990er Jahren gibt. Bereits neben Egharevba lagen zudem
die Beiträge von Joseph Sidahome, Samuel Igbinoghenem Eguavon,
Uwadiae Abaiah Idahosa und wiederum einiger anderer vor, die
Geschichten aus und über BENIN tradierten. Sie haben einen
geringeren Einfluss auf die Wissenschaftsliteratur erlangt, was
sich allerdings nicht notwendig aus etwaiger geringerer Qualität
ergibt. So dürfen sie auch als Teil des reichen, vielfältigen
Kanons der EDO-Traditionen bzw. Traditionalen Historiographie
gelten. Allerdings war und bleibt Egharevba zeitlich, als "
besonders intimer Kenner " des Hofes und im allgemeinen
Respekt vieler EDO " Erster " unter etlichen weiteren
Verfassern, welche sich zur eigenen Vergangenheit vorwissenschaftlich
äußerten. " Gegenwärtig " bleiben seine
Schriften vor allem in West-Afrika, aber auch weltweit über
seinen Tod hinaus und finden sich als vielfach wiederkehrender
Verweis über die ganze Breite der Literatur. Letzte Nachdrucke
liegen für die dritte und vierte Auflage seiner zentralen
Arbeit, ASHOB, noch aus den 1990er Jahren vor, photomechanische
Reprints ausgewählter Titel - doch bedauerlicherweise ohne
Kommentierung - erschienen auch durch einen westlichen Verlag.
Das Gesamtwerk - etwa als Egharevba-Archiv - ist allerdings noch
nicht umfassend untersucht oder ediert.
Seinem Anliegen ist - unter den beinahe vollständig für
den Historiker bedeutsamen Schriften - vor allem und zentral
die in vier Auflagen vorgelegte A Short History of BENIN (folgend
ASHOB) gewidmet, deren ernstlich multi-perspektivische Untersuchung
bislang aussteht.
Der großen Herausforderung dieser respekt- wie kritikwürdigen
Historiographie-Schrift, ihrerseits verstanden als historische
Quelle zur Geschichte BENIN´s, stellt sich die vorliegende
Arbeit (KuT). Bislang wurden nur recht kleine
Schritte zu deren text- und wirkimmanenten Bedeutungsanalyse
gemacht und auch diese Betrachtung kann und soll nur ein systematisierter
Beitrag als Teilantwort zum bisherigen Forschungsdesiderat sein,
auf den viele weitere folgen mögen. Die vorliegende Bearbeitung
setzt dabei meine früheren, diskursanalytisch angelegten
Überlegungen zur Kunst BENIN´s fort und ist wiederum
einer eröffnenden Klärung von Perspektiven und Grenzen
gewidmet. In diesem Fall allerdings geht es nicht um die durch
die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft beigebrachten
Erträge, wie in der früheren Frage zur Sicht der Kunstwerke.
Perspektiven und Grenzen der Interpretation meinen bei der Betrachtung
der ASHOB vielmehr (a) deren konkreten Wandel durch die vier
Auflagen, (b) Hintergründe und Zusammenhänge (Reflexion
und Feedback) zu europäischen Schriften des 15. bis 19.
Jahrhunderts sowie (c) desgleichen zu den vier wichtigsten Egharevba
bekannten Schriften, die ihm wohl im frühen 20. Jahrhundert
vorlagen und (d) die Bedeutung der sozialen, religiösen
und politischen Orientierung des Menschen Egharevba.
 
GEGEN DAS VERGESSEN : BEWAHRUNG DER IDENTITÄT
Neben verstreuten Zeitungsbeiträgen,
kaum zugänglichen weiteren Kurzschriften, sowie möglichen
unveröffentlichten und ergo nicht ausgewerteten Manuskripten
sind aus den Beständen deutscher (und englischer) Bibliotheken
insgesamt gut dreißig Titel zuverlässig bibliographierbar
(vgl. dazu schon die Hinweise von USUANLELE; FALOLA 1994 : 307-314
und 1998).
Mit einer Übersicht seiner wichtigsten Schriften und ausgewählten
Verweisen auf gleichzeitige oder spätere Darstellungen anderer
Verfasser soll zunächst knapp skizziert werden, wie Egharevba
" gegen das Vergessen " die Traditionale Historiographie
BENIN´s organisierte (vgl. Bibliographie : Einträge).
EINFÜHRENDE GROB-SKIZZE SEINES GESAMTWERKS
Unter dem Titel EKHERE
VB´EBE ITAN EDO fasste er als eine zunächst 1933 und
in zweiter Auflage 1934 veröffentlichte Vorlage und gewissermaßen
ursprüngliche EDO-Version seiner ASHOB ab. Das Skript dieser
Schrift soll um 1921 begonnen und etwa 1930 fertiggestellt worden
sein, wie Egharevba in seinem Vorwort selbst angibt, wurde durch
Oba Akenzua II. höchst-offiziell revidiert. Für die
Erst-Auflage der ASHOB ist zudem eine bereits 1935 unter dem
Titel OKHA EDO gedruckte, jedoch nicht sehr verbreitete Abhandlung
maßgeblich (mit 87 zumeist sehr kurzen Abschnitten und
16 Abbildungen bereichert).
Die bekanntere ASHOB - in erster Auflage - stellt somit eine
hierfür schon in wesentlichen Teilen " erweiterte Übersetzung
" beider Originale in englischer Sprache dar, sie wurde
sodann für die zweite (1953), dritte (1960) und vierte Auflage
(1968) wiederum erheblich variiert und erweitert. Der Verfasser
gliedert darin die Geschichte grob in drei Epochen, d. i. die
der legendären OGISO (Himmelskönige), die Entwicklung
BENIN´s unter der Führung der patrilinearen OBA-Herrschaft
und die Zeit nach dem Untergang des autonomen Reiches. In dem
Aufsatz "Art and craft work in the City of Benin" lieferte
Egharevba 1939 dann eine erste, noch recht knappe Übersicht
zur Entwicklung der Handwerkskünste im vorkolonialen BENIN
und der Technik des Bronzegusses, legte diese in 13 Arbeitsschritten
und mit einer Abbildung bereichert dar. Als "Concise Lives
of the Famous Iyases of Benin" führte er 1946 eine
Interpretation der herausragenden Funktionen der IYASE im BENIN
in der Geschichte, dargestellt an 17 beispielhaften Würdenträgern
vom ausgehenden 15. bis in das späte 19. Jahrhundert vor,
hob deren erinnerte, besondere Attribute vor, vermerkte wichtige
Leistungen und deren jeweiligen moralischen Vorbildcharakter.
Ebenfalls 1946 legte er "Benin Law and Custom" vor,
eine ausführliche Darstellung der traditionellen Lebensweise
mit vielfältigen Hinweisen zu Rechten und Pflichten, sozialen
und politischen Regeln, hygienischen wie moralischen Maßstäben,
einigen Bemerkungen zu Handel und Krieg. In 81 kurzen Kapiteln
kodifizierte er darin das traditionelle, verstanden als das "
gute und richtige " Leben. Das Manuskript dieser Schrift
war nach Egharevba´s eigenen Angaben bereits 1934 fertiggestellt,
hat ebenfalls OBA Akenzua II. vorgelegen und soll teilweise Eingang
in Texte anderer Verfasser (Ajisafe; Bascom 1945) gefunden haben.
Eine wesentlich erweiterte Darstellung um den Tod der schönen
Imaguero und die kriegerischen Ereignisse in der Herrschaft von
OBA Esigie, Egharevba zufolge mit fiktiver wörtlicher Rede
zum Nutzen vor allem jüngerer Leser verfasst, stellte er
1948 dann unter dem Titel "Murder of Imaguero and the Tragedy
of the Idah War" vor. Im gleichen Jahr erschien erstmals
ein wiederum in EDO verfasster Moral-Kodex, verquickt mit Erzählungen
und historischen Verweisen, unter dem Titel URO D´AGBON
VB´OBO. Es folgten 1949 die Schrift "Benin Games and
Sports" in Erinnerung an die Bedeutung des Messens der Kräfte,
der Geschicklichkeit und des Verstandes in Sport und Spiel nach
traditioneller Weise, sodann 1950 eine ausführliche Zusammenstellung
verschiedener Aspekte des religiösen Glaubens, des Pantheon
von Gottheiten und Helden, wichtiger Schreine usw. bei den EDO
und deren Nachbarn (bisweilen auch Sozialgemeinschaften im nördlichen
Nigeria) als "Some Tribal Gods of Southern Nigeria"
sowie im gleichen Jahr eine Zusammenstellung Dutzender Verse
(Redewendungen, Kurzlieder) als IHUN-AN EDO VB´OBO. Insgesamt
26 semi-historische Erzählungen mit moralischer Ermahnung,
die in kürzerer Form zuweilen schon Eingang in die ASHOB
gefunden hatten (z. B. die hungrigen Boten aus IDANRE, über
Odundun, DEJI von AKURE, zu den Erd-Wällen sowie ISE von
UTEKON), legte er dann 1951 als "Some Stories of Ancient
Benin" vor. Das Skript dieser Arbeit wurde von Raymond Tong
überarbeitet und ist mit zwei Abbildungen illustriert.
Eine auf einem Vorlesungsmanuskript gründende Zusammenstellung
zur historischen Entwicklung von BENIN-City, u. a. zu deren Namen
(IGODOMIGODO, UBINI, EDO, BENIN), dortiger hierarchischer Ordnung,
den Palastbauten und Strassen, erschien 1952 als "The City
of Benin". Auf eine in Edo verfasste Hilfe zum Verständnis
der Sprache, OZEDU - Interpreter (Teil I / II; 1953), folgte
1954 als "The Origin of Benin" eine, von einem früheren
Aufsatz über die legendäre Emotan ausgehende Zusammenstellung
in insgesamt 21 kurzen Kapiteln zu weiteren herausragenden Ereignissen
und Personen in der Geschichte (u. a. zu Edo und Iden, zu den
Märkten und Erdwällen), ergänzt durch Anschauungen
zu Problemen und Perspektiven zur Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft (etwa dem gegenwärtigen Wald- und Landbau). Neuerlich
veröffentlichte Egharevba 1956 dann zwölf zuvor in
der Zeitung Benin Voice (diverse Ausgaben, 1948/49) gedruckte
Beiträge unter dem Titel "Z´EVBO OMWAN TAWIRI.
Who does not speak his Native Language is lost", welche
den Leser ermahnen, die traditionelle Lebensweise und Sprache
in die Gegenwart als Teil der eigenen Herkunft und Kultur zu
übernehmen. Andere der dort aufgenommenen Texte nehmen Stellung
zur zeitgenössischen Politik und " Werten für
die Zukunft " (z. B. zum Erhalt des Museums in BENIN-City).
Als "Benin Titles" (bzw. "Bini Titles"; vgl.
dort Titelseite und Vorwort) erschien im gleichen Jahr eine Darstellung
zu den Ursprüngen der EDO, deren Geschichte (in der Zeit
der OGISO- und OBA-Herrschaft) und politischen Ordnung, mit einem
systematisierten Überblick zur Bedeutung von Titeln, deren
Vergabe, sowie Aufgaben und Funktionen der Titelträger,
zur Bedeutung der Gilden, über die traditionelle Kleidung
und das Heiraten. Als "A Brief History of the life of the
Hon. Gaius I. Obaseki. C. B. E." würdigte Egharevba
sodann 1957 die seines Erachtens große Bedeutung des IYASE
Obaseki. In den 1960er Jahren folgten neben besagter ASHOB in
der zumeist zitierten, überarbeiteten vierten Auflage von
1968, noch neun weitere Schriften. Zur Bedeutung der Ehe von
Töchtern des OBA als probate Methode zur Sicherung traditioneller
Werte, Machtverhältnisse und der Bindung verschiedener Familien
in BENIN verbreitete sich Egharevba 1962 unter dem Titel "Marriage
of the Princesses of Benin", entwickelte darin, ausgehend
von der 1959 stattgefundenen Heirat Prinzessin Adesuwa´s
mit Emmanuel Emovon, einen Kodex zur Ehe in traditioneller Erinnerung
und verweist auf mehr als 30 Prinzessinnen aus der Zeit der OGISO
bis in die jüngste Vergangenheit. Wiederum in EDO erschien
1963 eine Kompilation traditioneller Redewendungen, Sprichworte
und Weisheiten des Alltags als ERE EDO VB´ODO. Frühere
Beiträge aufgreifend legte er 1965 dann insgesamt drei Schriften
vor, darunter "The Ominigbon Vb´obo", eine ausführlich
erweiterte Darstellung zur Bedeutung heiliger Orakelsprüche
sowie religiöser Werte, im Besonderen der christlichen Überzeugungen
des Verfassers.
Als "Chronicle of Events in Benin" stellte er zudem
traditionell erinnerte Ereignisse, Kenntnissen aus Schriftquellen
und der archäologischen, ethnologischen und historiographischen
Forschung (mit Verweisen auf Goodwin und Connah) vor, entwickelte
als "Some Prominent Bini People" eine Übersicht
zu mehr als 100 herausragenden (bisweilen legendären) Personen
aus der Geschichte BENIN´s (darunter Emotan, Adesua, Amadasu),
die verschiedentlich schon in früheren Beiträgen, nun
jedoch ausführlicher dargestellt wurden (nach einem Skript,
das in Teilen bereits um 1939 vorgelegen haben soll). Wiederum
den Ursprüngen, d. h. der Herkunft der EDO und benachbarter
Sozialgemeinschaften, basierend auf einer Theorie von Wanderungen
in mehreren Wellen folgend, sowie Formen traditioneller Herrschaft,
Kriegsführung, der Handwerke usw. widmete sich Egharevba´s
1966 erschienener Titel "Fusion of Tribes". Eine Familienchronik
des Verfassers folgte 1967 als "Egharevba Family",
ein in 67 Kapiteln untergliederter Rückblick auf das eigene
Leben, herausragende Ereignisse von der Kindheit bis ins hohe
Alter, der auch die eigene Teilhabe an der Geschichte und der
Geschichtsschreibung BENIN´s reflektiert, schloss sich
1968 als "A Brief Autobiography" an. Vorgeblich auf
einem Skript von 1954 gründete dann die 1969 veröffentlichte
Beschreibung von mehr als 80 Kunstwerken mit allgemeinen Bemerkungen
zur Bedeutung der Handwerksgilden und zur historischen Entwicklung
BENIN´s, vorgelegt als "Descriptive Catalogue of [the]
Benin Museum". Es folgte schließlich 1970 "A
Brief Life History of Evian", eine Darstellung über
das (semi-legendäre) Leben von Evian, der nach Darstellung
des Verfassers vor 1170 in einer Zeit des Übergangs von
der OGISO- zur OBA-Herrschaft das Land geführt habe. Außerdem
erschien 1972 ITAN EDAGBON MWEN, die ursprüngliche Version
der 1968 bereits in Übersetzung herausgegebenen Kurzbiographie
des Verfassers, dann 1974 "The Okhuaihe of Ikhuen",
eine knappe Darstellung des legendären, vergöttlichten
Okhuaihe, welcher im 15. Jahrhundert gelebt und Einfluss auf
die Ankunft der ersten Europäer genommen habe, schließlich
1976 "The Ake of Isi", eine Darstellung des ebenfalls
vergöttlichten Ake mit Bemerkungen zur Religion und der
Beziehung BENIN´s zu den YORUBA.

BEDEUTUNG UND AUSLEGUNG - INTERPRETATIONEN
Nach zuvor knapp skizzierten
Überlegungen zu ersten Fragen, wer Egharevba war und welchen
Themen er sich in seinen Schriften zuwandte, sollen folgend wiede
bloß kurz einige Anmerkungen zu zwei Selbstzeugnissen des
Verfassers einige Hinweise zu meinem Verständnis für
eine mögliche Auslegung dieses Quellen-Corpus geben. Eine
kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung um die von Egharevba
in bestimmter Weise organisierte Geschichte BENIN´s, führten
zuletzt Usuanlele und Falola, sowie für den deutsch-sprachigen
Raum bedeutend seit dessen Dissertationsschrift (1993) vor allem
Stefan Eisenhofer.
Letztgenannter erörterte wiederholt scharf, dass und wie
wissenschaftliche Darstellungen zur EDO-Kultur in unzumutbarer
Weise "based almost exclusively on the data of the Bini
local historian Jacob Egharevba" (EISENHOFER 1995 : 141),
dieser so allein stabilisierendes "Rückgrat für
die Historiographie Benins" (EISENHOFER 1998 : 105) wurde.
Im Besonderen sei durch die gesamte Literatur festzustellen,
wie zentrale Probleme dessen Bedeutung und Auslegung simplifiziert
oder verdrängt wurden. Egharevba müsse vor allem im
"historical context of the time" seines Arbeitens verstanden,
seine über-große Autorität eingedämmt werden
(EBD. : 142f.). "Trügerisch" für Interpreten
wie etwa Wolf (EISENHOFER 1996 : 152), die an uralte, wörtliche,
direkte Vermittlung von Geschehenem geglaubt hätten, sei
die ASHOB als "´Hofberichterstattung´"
zu entlarven (EBD. : 158), die aus "Bestrebungen einer ´ureigenen´
Bini-Kultur" erwachsen und in vielerlei Details mit der
"Absicht, Geschichte für die Gegenwart nutzbar zu machen",
entwickelt wurde (EBD. : 161). Zusammengenommen zeige sich, wie
Egharevba "andere Interessen verfolgte als eine akademische
Geschichtsschreibung in westlichem Sinne" (EBD. : 165).
Die sogenannte/n Königsliste/n in dessen Schriften zeigten
ferner, wie er "forced his African oral material into a
linear European time scheme" (EISENHOFER 1997 : 139), seine
"such uncertain information" etwa zu Oba Ewuare (Ebd.
: 144) fortschrieb und letztlich - wie "so manche vermeintlich
mündliche Tradition" - darin Kenntnisse unterschiedlichster
Herkunft (Schriftquellen, Wissenschaftstexte, ...) "geschickt
vermischt" wurden (EISENHOFER 2000b : 80).
Trotz aller Anregung zum Zweifeln (passim) wird jedoch auch betont,
dass Afrika "keineswegs nur eine erfundene Geschichte"
habe (EBD. : 84) - diese werde aber eher verschleiert, denn erhellt
durch Egharevba und Konsorten.
Solcher, vor allem von Eisenhofer zuweilen erweckte Eindruck,
dass - verschärfend zusammengefasst - bis in die 1990er
Jahre kaum kritische Gedanken zur Auslegung der von Egharevba
aufgezeichneten Texte, deren Probleme als Kanon zur Geschichte
der Edo oder der mythischen Fundierung mancher Aspekte vorgebracht
worden sein, erschließt sich mir nicht in gleicher Weise.
Zwar haben sich nur wenige Interpreten, die einzelne Traditionen
aus dem Gesamtwerk (zumeist nach der ASHOB) zitierten und zur
Grundlage ihrer eigenen Überlegungen machten, ausführlich
darüber expliziert. Doch findet sich in fast jeder Untersuchung
sehr wohl der eine oder andere Hinweis auf Grenzen der Interpretierbarkeit
der Traditionen als geschichtliche Zeugnisse. Und auch Egharevba
selbst war sich dessen bewusst, zumal er erkannte, dass "countless
of people from every part of the world often made quotations
from by books, especially the Short History of Benin and my articles
became real matters of reference by many intellectual journalistic
writers" (ABA 65. HniO).
So ist m. E. zunächst nicht gegen Egharevba selbst
einzuwenden, dieser habe tatsächliche alte Überlieferung
nach eigener Vorstellung aus überlieferten Traditionen mit
wesentlich späteren Kenntnissen der Wissenschaft "geschickt
vermischt" (vgl. neuerlich im Kontext bei EISENHOFER 2000b).
Zum einen überzieht diese These, da dem Verfasser auf einer
imaginären Anklagebank geradezu eine bewusste Verfälschung
zur Last gelegt wird und dieser dafür abzuurteilen sei.
Meine folgende Bearbeitung geht vielmehr davon aus, was Egharevba
selbst hierzu als Motiv, Ziel und Aufgabe eigener Beiträge
bereits formulierte. Denn er schrieb "to preserve from oblivion"
(BLC Preface IV) und dies bedeutete, Geschichte im traditionalen
Sinne, also " gute Geschichte/n ", zu überliefern
(vgl. BLC 35.70-71). Damit nahm er zwar bewusst eine tendenziöse
Haltung ein, war aber gewiss nicht an der Verwirrung besagter
Intellektueller interessiert, die seine Beiträge rezipierten.
Vielmehr sah er sich und seine Kultur konfrontiert und in die
Auseinandersetzung gestellt, die mit den Ereignissen von 1897
zusammenhingen. So " musste " er etwa lesen, dass man
in Europa gerade die Beute dessen, was man als "successful
expedition sent to Benin to punish the natives of that city for
a treacherous massacre of a peaceful English mission" verstand,
intensiver zu betrachten und auszuwerten begann (vgl. READ; DALTON
1899 : Preface). Und weiterhin belehrte man ihn, dass "the
history of Benin really begins for us with the advent of the
Portuguese in the 15th Century" (EBD. : 1) bzw. kurz: "we
enter the period of authentic history in the years 1470 and 1472"
(EBD. : 3). Währenddessen sei alles andere verloren, habe
es denn überhaupt eine - erinnernswerte eigene - Geschichte
vor Ankunft der Europäer gegeben.
Und so sind m. E. die Ergebnisse kritischer Betrachtungen dann
mehr ernst zu nehmen und äußerst wichtig, wenn damit
verdeutlicht wird, dass die Geschichte der EDO im BENIN sich
nicht vermittels einer irgendwie authentischen Reproduktion in
Egharevba´s ASHOB und weiteren Schriften auffinden und
als zu wissender Kanon erlernen lässt. Vielmehr sind diese
konkret hinsichtlich der darin aufgenommenen Vorlagen, tradierten
Kenntnisse und Vorstellungen und deren Auswahl und Anordnung
nach den zugrundeliegenden Wertungen des Verfassers und seiner
legitimierenden Auftraggeber am Hof zu unterscheiden. Dies zu
leisten ist jedoch ein problematisches Unterfangen, da sich derlei
Aspekte in unserer Zeit nur noch schwerlich dekompilieren lassen.
In folgender Bearbeitung wird daher einerseits ein solcher Zugang
versucht und auf den hypothetischen Charakter der analytisch-exegetisch
gewonnenen Ausweisungen hingewiesen.
Wichtige, in ihrer Beurteilung Egharevba´s gemäßigtere,
angemessen kritische Ausführungen legten, wie bereits erwähnt,
Uyilawa Usuanlele und Toyin Falola vor. Arbeitsweise und Motive
fassten sie dahingehend zusammen, dass er "regarded documentation
and scholarship as marks of civilization which enhance the understanding
of the past and make possible the growth of knowledge and wisdom."
(USUANLELE; FALOLA 1994 : 305). Überdies habe Egharevba
erkannt, dass "documentation would preserve the past, serve
to immemortalize the names of heroes at a time whey they no longer
could be ´deified and worshipped as gods´, provide
reference on the observance of traditions" (EBD. : 305).
Aus - im wörtlichen Sinne - Patriotismus sah er zurecht
seine Aufgabe darin, "moral lessons to youth" zu unterrichten
ebenso wie an "the use ot the Edo-language" zu ermahnen
(EBD. : 305). Usuanlele und Falola verwiesen auch auf die Vorlagen
aus Schriftquellen, die Einfügung verschiedener Wissenschaftshypothesen
und derlei mehr, sehen aber in diesen Einfügungen vor allem,
dass er nur gerade kein "dogmatic writer" (Ebd. : 316)
war, sondern sich auf verschiedene andere Positionen einließ.
Aus einem gewissermaßen "´raw´ unassuming
historian" wurde zunehmend ein "transformed author",
der mehr und mehr sensibilisiert war für "national
politics, influenced by what non-Edo and Europeans said, and
the beneficiary of his reading of secondary materials" (USUANLELE;
FALOLA 1998 : 386).
Vor diesem Hintergrund ist es sodann als ein weiterer Aspekt
- ebenfalls in direkter Auseinandersetzung mit des Verfassers
eigener Einschätzung - zu klären, wie er die Frage
des Wahrheits- und Geltungsanspruchs seiner Traditionalen Historiographie
auffasste. "From my boyhood I have made it my policy to
be saying the truth, to be truthful and honest at all costs,
at any time or anywhere. I have won a high degree of reputation
for truthfulness and honesty", führte Egharevba in
ABA 46.48 aus. Und diese Geltung erlangte er, wenn er EDO wie
späteren, wissenschaftlich orientierten Interpreten als
"reliable" galt (so bspw. BLACKMUN 1991b : 34 Fn. 4).
Ausführliche Analyse in Benin. Künste
und Traditionen : 174-295.
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